29.03.2011

Glücksmoment

Alle anderen sind weggefahren, nur wir beide sind geblieben. Du liegst auf dem Boden auf Deinem Teppich und lächelst mich an. Ich setze mich zu Dir, und wir führen ein ernsthaftes Gespräch über Umzüge an sich und den Deinen im Besonderen. Du freust Dich auf Dein neues Zimmer. Danach zeigst Du mir Dein Buch aus Stoff, und wie gut Du es schon mit Deinen Händchen halten kannst. Du liest mir etwas von Kühen, Schweinen und Küken vor und lachst dabei ganz laut. Und dann teilst Du mir energisch mit, dass Du jetzt Hunger hast. Und ich gebe Dir Löffel für Löffel den Pfirsichmus und muss daran denken, dass ich das seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gemacht habe. Aber wir kommen gut klar, und Deine Blubberbläschen sind großartig. Danach verlangst Du noch lauter nach noch mehr, und ich gebe Dir eine Flasche. Du liegst in meinen Armen und gibst zufriedenes Glucksen von Dir. Die Sonne scheint auf unseren Platz und läßt Dein blondes Haar aufleuchten. Du riechst nach Baby und bist ja auch noch eins. Und ich darf Dich für ein paar Stunden ganz allein für mich haben, meinen kleinen Enkel.

24.03.2011

Ärgerlich

Seit einigen Monaten möchte meine Vermieterin die 100m²-Welt verkaufen. Und weil sie das nicht ohne mich kann (ich muss die Leute rein lassen), läßt sie über ihre sehr nette Maklerin Termine mit mir machen. Ich komme der Frau gern entgegen und versuche, allen Interessenten die Möglichkeit zu geben, das Haus anzuschauen. Leider sagen viele Menschen einfach kurzfristig ab, und meine Planungen um diese Termine herum platzen wie Seifenblasen. So auch heute wieder. Das ist ärgerlich, zumal mir völlig egal ist, ob das Haus verkauft wird oder nicht. Ich denke angesichts des geforderten Preises eher nicht. Spannend finde ich auch, dass die meisten Besucher kein Interesse zeigen an den Nebenkosten oder der Heizungsanlage. Sie schauen sich eigentlich nur unsere Möbel und Bilder an und geben dazu unerwünschte Kommentare ab. Nein, wir sind kein Möbelhaus, und nein, wir verkaufen nichts. Schon gar nicht Katzen. Nein, die Kücheneinrichtung gehört nicht zum Haus. Und nein, ich lasse sie nicht umsonst drin, mir gefällt sie nämlich noch. Und ja, die meisten Interessenten sind dem Mörchen und mir nicht sehr sympathisch. Sie sind einfach nur ärgerlich. Aber nicht mehr lange, dann bekommt Frau Maklerin den Schlüssel und kann mit ihren Kunden durch das leere Haus gehen. Nur, wenn ich jetzt nicht weiter räume, reichen die 8,5 Wochen nicht. Also bin ich wieder weg. Schönen Tag noch!

23.03.2011

Echo

Es hallt im Haus. Zwei Zimmer sind ganz leer, auf dem oberen Flur steht nur noch Mörchens Toilette, im unteren Flur steht noch ein Schrank, sonst ist alles kahl und kalt. Im Kellerbüro sind die Möbel auf eine Zimmerhälfte reduziert. Man möchte einfach nur flüstern, weil man ein Echo zu hören meint, wenn man lauter spricht. Und überall Baustellen. Hier muss noch sortiert werden, dort muss man einpacken, und nebenbei muss der Schreibkram für den alten Mann gemacht werden. Vielleicht sollte man sich auch bald überlegen, wie die Umzugsmitteilung an Freunde und Bekannte aussehen soll. Doch erst muss im neuen Domizil der Fußboden abgeschliffen werden, weil der alte Teppichboden so verklebt war, dass er nicht ganz raus ging. Baustellen überall? Ganze Häuser und Straßenzüge müssen gebaut werden. Aber es wird schon. Irgendwann. Und dann ist alles gut. Hoffe ich. Ich gehe dann mal weiter packen.

19.03.2011

Neues aus dem Altersheim

"HIER BLEIBE ICH NICHT!!!" Mehrmals nacheinander brüllt er es ins Telefon, ist allen Argumenten gegenüber uneinsichtig. Ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge, wie er in seinem Lehnstuhl sitzt und sich aufregt. Es ist ihm langweilig. Das Essen schmeckt nicht. Die Wärter sind doof. Er bekommt nie Besuch ("Und weißt Du, wer gestern hier war?). Keiner ruft an (dafür rufen sie mich an fragen, wo er geblieben ist). Zurück geht nicht, alles ab- und umgemeldet, um Geld zu sparen. Die Show gibt es nicht gratis - im Gegenteil. Und in seinem Haus die Treppe, die Duschwanne 40cm hoch - wie soll er das alles noch alleine schaffen? Mal wieder läßt er mich mit meinen sich überschlagenden Gedanken zurück. Der Sorgenmodus läuft ständig und ist schon heiß gelaufen.
In der letzten Woche ist er im Heim aus dem Bett gefallen, und man hatte befürchtet, dass er einen Herzinfarkt hatte und ihn ins Krankenhaus gebracht. Nach ein paar Stunden war er zurück, aber man hat dort gesagt, er soll sich lieber nicht an der Hüfte operieren lassen. Zum Glück hat er darauf gehört. Mal sehen, wie lange.
Mein bester Freund Alex hat schon Recht, sie hatten uns lieb, als wir so waren wie sie jetzt wieder sind. Es bleibt schwierig!

18.03.2011

Pflegende Tücher

Frau chat noir ist faul. Darum benutzt sie allabendlich für die Reinigung des Gesichts Pflegetücher. Sie liegen an einem festem Platz in Reichweite am Waschbecken. Bis vorgestern. Sie waren weg. Nicht mehr zu finden. Den besten Ehemann von allen konnte ich nicht befragen, da er schon sanft und friedlich in seinem Bettchen schlief. Gestern fand ich die Verpackung der Tücher im Mülleimer. Und die Tücher selbst im Plastikkasten für das feuchte Toilettenpapier. Also, auf der Umverpackung der Reinigungstücher für das Gesicht ist eine Frau abgebildet, die ihr Gesicht reinigt. Als mir dann gestern Abend die Sache wieder einfiel und ich meinen lieben Ehemann dazu befragte, bekam ich postwendend zu hören, dass er eben für eine bestimmte Stelle seines Körpers nur das Beste verwende. Ok. Ich gehe dann mal in den Drogeriemarkt. Neue Pflegetücher für mein Gesicht kaufen. Männer!!

17.03.2011

Ecktisch

Also, vor 10 Jahren sind der beste Ehemann und ich in die 100m²-Welt gezogen. Nun sind wir "nur noch" etwa 10 Wochen da, und dann ist das alles hier Geschichte. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht sagen. Sondern es geht um einen Tisch, der es mir damals vor dem Einzug beim Möbelschweden angetan hatte. Er ist weiß und hat drei Ecken. Es gab ihn auch in anderen Farben, und die Elchmöbelkenner wissen, was ich meine. Nun dieser Tisch sprang mir quasi ins Auge und passte genau in die Gästetoilette, genauer in den Raum, in dem die Toilette steht, und zwar in die Ecke unter das Waschbecken und konnte u.a. zur Gemütlichkeit dieses Raumes beitragen. Was mir bei der Dauer des Aufenthaltes mancher Menschen in diesem Zimmerchen zweckmäßig erschien. Aber das wollte ich eigentlich auch nicht sagen. Also ich musste kämpfen um den Tisch, der als total überflüssig und überhaupt abgelehnt wurde. Er zog trotzdem bei uns ein und wurde seiner von mir zugedachten Aufgabe sehr gerecht. Heute habe ich ihn herausgeholt aus seiner Ecke und stellte fest, er ist kaputt. Im Halbdunkel unter dem Waschbecken ist mir nicht aufgefallen, dass er Wasser durch eine kleine offene Stelle aufgesogen hat und aufgequollen ist. Als ich ihm zu den Sachen für den Sperrmüll stellte, wurde ich verwundert gefragt, warum ich denn den schönen kleinen Tisch weggeben will? Hä? Erst musste ich mich mit guten Argumenten für ihn durchsetzen, und nun muss ich erklären, warum er gehen soll? Hallo? Aber das ist ja alles gar nicht so schlimm. Schlimmer ist, dass mir bei der Durchsicht des Kataloges des eben erwähnten Möbelhauses auffiel, dass es diese Tische wohl nicht mehr gibt. Oder doch? Muss ich hin und selber gucken? Darf ich? Gut. Wir gehen dann mal nächste Woche Hackfleischbällchen essen, der beste Ehemann und ich. Hoch leben die Farben Blau und Gelb!

15.03.2011

Ohne Atomstrom

Klar. Schalten wir sie ab, die Dinger. Damit sind sie auch nicht mehr gefährlich. Knips - sofort sind sie aus, die ollen Brennstäbe. Und man kann sie zur Volksbelustigung des Wendlands in einen Castorbehälter packen und durch die Republik fahren. Oder sie in die ganz sichere Asse stecken. Kostet kein Geld. Ist auch nicht gefährlich. Derweil genießen die Bürger fernsehfreie Abende, weil der Strom rationiert wurde. Und die radioaktiven Wolken, die bei einem eventuellen Schreckensereignis in unseren Nachbarländern aus deren Kraftwerken entweichen, machen genau an unserer Staatsgrenze kehrt. Friede. Freude. Eierkuchen. Und bitte keine langhaarigen Experten mehr im TV. Danke.

01.03.2011

Altersheim

Vor vier Wochen rief mich der alte Mann eines späten Sonntagabends an, um mir mitzuteilen, dass er am nächsten Morgen ins Altersheim gehe. Zur Probe. Für vier Wochen. Ich war total geplättet und konnte nur sprachlos seinen üblichen Krankengeschichten lauschen und keine konkrete Frage zu diesem Entschluss stellen. Die Fragen kamen später, als ich schlaflos im Bett lag und über seine Entscheidung nachdachte.
Am nächsten Morgen telefonierte ich als erstes mit dem Altersheim, das sich Senioren-Park nennt. Natürlich gibt es die vier Wochen Probewohnen, zu denen er tatsächlich eingezogen war, nicht umsonst. Und natürlich hatte er sich um nichts gekümmert. Mir kamen da solche Gedanken...
Also ich klärte mit der Krankenkasse die Kostenübernahme der Kurzzeitpflege, meldete ihn bei seinem Pflegedienst, bei seiner Putzfrau, bei seinem Hausnotruf, bei seiner Fußpflege und bei seinen Nachbarn ab. Er hatte sich um nichts gekümmert, war einfach verschwunden.
14 Tage hielt ich es aus, dann versuchte ich ihn telefonisch zu erreichen. Man teilte mir mit, er habe ein Telefon auf dem Zimmer und sagte mir die Nummer. Nichts passierte, ich versuchte es immer wieder und ließ es klingeln, klingeln, klingeln. Auch an sein Handy ging er nicht. Ich ließ mich mit der Station verbinden, und gemeinsam mit der Schwester bekam ich heraus, dass der Apparat in seinem Zimmer funktioniert. Auf sein bärbeißiges "Was willst Du?", als ich ihn endlich erreichte, war ich nicht gefasst. Er maulte rum, das Zimmer sei zu klein, abends gäbe es immer die gleiche Wurst, und er wäre auch hier immer alleine. Allerdings ging er zu den Mahlzeiten (vier täglich) in den Wohnbereich und aß dort mit den anderen Heimbewohnern. Ich denke, er hat dort mehr Gesellschaft als allein zu Hause, wo er max. eine halbe Stunde vom Pflegedienst betreut wurde.
Ihm täte die Hüfte so weh von der harten Matratze, und die kleinen schwarzen Tiere, die immer auf den Rücken fielen und ihre weiße Unterseite zeigten, wären nicht so angenehm. Außerdem wäre jemand im Zimmer, der stets Weihnachtslieder und Schlager pfeife. Daraufhin sprach ich am Telefon mit seiner Ärztin, die erschrocken feststellte, dass die Morphiumgabe zu hoch eingestellt sei und überwies ihn ins Krankenhaus.
Er ist wieder zurück, die Tiere und der Pfeifer in seinem Zimmer sind jetzt weg. Am Sonntag und gestern war ich bei ihm, er nöckelte vor sich hin, verlangte seinen Lehnstuhl und teilte mit, er wolle dort bleiben. Ich sollte sein Handy aufladen, Schokolade kaufen, Salbe mitbringen. Hausschuhe besorgen und Bilder holen. Er weinte, weil er da bleiben will, und er mag noch immer die Wurst zum Abendessen nicht. Er kann selbst mit dem Rollator nicht mehr laufen, Treppen steigen geht fast gar nicht mehr. Er ist inkontinent und hat Schmerzen in der Hüfte. Er ist ein Bild des Jammers, und er tut mir so leid. Bis er mich anschnauzt und mich mit kleinen, verschlagenen Augen zornig anfunkelt und über den wirklich netten Pfleger ("der Wärter hier") schimpft.
Ich habe mit dem Altersheim den Vertrag zur dauerhaften stationären Pflege abgeschlossen. Wir werden ihm am kommenden Wochenende seine Möbel bringen, die er gerne haben möchte. Am 18.3. wird seine Hüfte operiert. Er ist fast 91 Jahre alt, und ich mache mir schon wieder solche Gedanken...