28.02.2012

Die Zeit vergeht

Als der bEva und ich uns in der alten Heimat nach einer neuen Bleibe umschauten, gab es mehrere Kriterien, die das Umfeld betrafen und möglichst alle erfüllt werden sollten. Unter vielem Anderen sollte auch eine Busverbindung in der Nähe sein. Wenn wir aus welchen Gründen auch immer nicht mehr auf das Auto zurückgreifen können, wollen wir trotzdem mobil sein. Diesen Punkt haben wir gut erfüllt - hinter der 100m²-Welt, schräg gegenüber des Gartenzauns, ist eine Bushaltestelle. Nein, sie stört uns nicht. Und nein, die Menschen, die auf den Bus warten oder aussteigen, stören uns auch nicht.

Mich stört die Zeit. Unwiderruflich verrinnt sie. Eigentlich merkt man das nicht, aber wenn man alle halbe Stunde den Bus vorbeifahren hört, dann hat sie plötzlich ein Gesicht, die Zeit. Oder besser: Man kann sie hören. "Schon wieder ein Bus, ist wieder eine halbe Stunde um!" Oder "Schon wieder ein Bus, ist wieder eine halbe Stunde um?". So läuft sie davon, die Zeit. Tag für Tag. Im Halbstundentakt. Nur Sonntags vergeht sie ein wenig langsamer, da braucht sie eine Stunde, bis die Busse kommen. Und ich? Ich werde alt dabei. Ich höre den Bussen beim Stehlen der Zeit zu und warte auf den nächsten. Tag für Tag.

23.02.2012

"Alte" Freunde

Donnerstag - Opatag. Gerade komme ich vom alten Mann, der jetzt endlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Irgendwie weiß ich gar nicht so genau, warum er so lange dort geblieben ist. Der Husten, der nicht gehen wollte und keine Lungenentzündung werden durfte, war schon nach ein paar Tagen fort. Wahrscheinlich ging es wieder um Pi und Po-Geschichten. Egal, sie haben ihn dort wieder aufgepäppelt und ihm hat's gefallen.

Als liebende Tochter bin ich alle zwei Tage in Begleitung des bEva bei ihm zu Besuch gewesen. Zwischendurch bekam der alte Mann u.a. Besuch aus dem Altersheim,  zwei Damen seines Harems* wollten unbedingt nach ihm sehen. Sie wurden von einer Pflegekraft gefahren, die leider nur das kleine Auto des Seniorenparks fahren durfte. Bedauerlicherweise passten nicht mehr Damen in das Fahrzeug - die Rollatoren nehmen so viel Platz weg. Trotzdem hat sich der alte Mann über die kleine Abordnung sehr gefreut, und sie brachten ihm auch noch eine Flasche Saft mit!

Elfriede hingegen hat das gar nicht gepasst. Sie sitzt jedoch im Rollstuhl, und der ist zu groß für das kleine Auto des Seniorenparks. Sie hat sich geärgert und gehandelt. Zunächst rief sie ihren Enkel an und schickte diesen in eine bestimmte Konditorei mitten in der Stadt. Dort musste er zwei Stückchen der Lieblingstorte des alten Mannes besorgen. Dann musste der Enkel Elfriede samt Rollstuhl im Heim abholen und mit ihr ins Krankenhaus fahren. Zufällig waren wir anwesend, als sie ankam. Sie hat sich so gefreut über die Überraschung, die sie dem alten Mann bereitet hat, und strahlte über das ganze Gesicht. Der alte Mann hat sich über den Besuch und den Kuchen so gefreut, dass er ganz gerührt war. Da saßen sich die beiden alten Menschen gegenüber, sie weit über 80, er über 90, beide im Rollstuhl und strahlten sich glücklich an. "Alte" Freunde eben. Zum Abschied nach etwa einer Stunde hat sie ihm aufgetragen, schneller gesund zu werden, damit sie wieder Kniffeln können, es wäre langweilig ohne ihn. Da wußte ich, dass nach über einem Jahr der alte Mann angekommen ist dort im Seniorenpark.

*Die alten Menschen sind in Wohnbereichen untergebracht. Ein Wohnbereich (WB) mit eigenem Aufenthaltsraum umfasst 8 Personen. Der alte Mann ist das einzige männliche Wesen in diesem WB und Hahn im Korb.

18.02.2012

Das blaue Auto

Heute habe ich bei MiracleMan einen Eintrag gelesen, der mich sehr an eine Begebenheit erinnerte, die sich vor einigen Jahren zutrug. Es geht hier nicht um die Art des Ereignisses, sondern um eine für andere Menschen komische Geschichte. Solche Geschichten tragen zur Erheiterung des eigenen Umfeldes bei, und man kann sie nicht selbst erfinden. Sie passieren einfach, aber die Welt wäre noch grauer und die zwischenmenschlichen Beziehungen noch ärmer, wenn es sie nicht gäbe.

Mein damaliger Chef (C.) hatte beruflich in einem Ort zu tun, den er schnell von unserer Stadt aus mit dem Flugzeug erreichen konnte. Er ließ sich am Zielort von seinem Geschäftspartner abholen. Dieser schickte seinen Fahrer mit einem blauen Wagen, die Marke ist in diesem Zusammenhang egal. Da C. am Abend bei seinem Geschäftspartner zu Hause eingeladen war, bat er den Fahrer, an einem Blumenladen zu halten. C. verschwand im Laden, der Fahrer wartete im Fahrzeug auf ihn. Mit einem großen Blumentopf im Arm stieg C. wieder ein, stellte den Topf zwischen seine Füße, schnallte sich an und wartete. Nichts geschah. C. schaute nach links, und ein ihm völlig unbekannter Mann fragte: "Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?" Ein Blick von C. aus dem Wagenfenster klärte die Situation auf: "Sein" Fahrer sprang aufgeregt gestikulierend um sein Auto herum, und C. merkte, dass er in den falschen blauen Wagen zu einem wildfremden Mann gestiegen war. C. entschuldigte sich höflich, wechselte nonchalant die Fahrzeuge und ließ sich zu seinem Termin fahren.

Nach seiner Rückkehr erzählte mir C. diese Geschichte und lachte noch immer über sein eigenes Missgeschick. Köstlich, wie er den Fahrer des fremden Autos und dessen Irritation imitierte und die Verlegenheit des Fahrers des richtigen Fahrzeugs darstellte. Von da an war vor jedem Besuch dieses Geschäftspartners C. eigener Running Gag: "Und nicht in den falschen blauen Wagen steigen, ja, ja! Sie müssen mich nicht an diese Geschichte erinnern!"

Sagte ich schon, dass ich gerne für C. gearbeitet habe?

16.02.2012

My cellphone

Der bEva hat ein gestörtes Verhältnis zu Mobiltelefonen. Ein sehr gestörtes Verhältnis. Er kann sie nicht leiden. Das ihm von seinem Arbeitgeber zur Verfügung gestellte hat er nie benutzt. Er hat es bösartiger Weise immer unaufgeladen in einer Schreibtischschublade deponiert. Er hat auch ein privates Handy, fürsorglich von seiner liebsten Ehefrau besorgt, damit er sich bei ihr melden konnte, wenn er lange mit dem Auto unterwegs war und irgendetwas seine Heimreise verhinderte. "Keine Sorgen machen müssen" nennt man so was. Hat aber leider nie geklappt. Aus den schon genannten Gründen.
Mein Handy ist schon eher in Gebrauch. Und als in der alten 100m²-Welt kein Festnetzanschluß mehr vorhanden war - und das war einige Zeit so - und ich in der neuen Welt noch kein Telefon hatte, war ich froh, eines mein Eigen nennen zu können. Nun aber ist die Zeit des Abschieds gekommen. Nicht vom Handy ansich, aber von dem Anbieter. Ein Blick auf die monatlichen Kosten haben mich u.a.dazu veranlasst, beide Verträge zu kündigen. Für das Handy des bEva zahle ich monatlich für nix, und der Provider reibt sich die Hände. Ich möchte zu einem anderen Anbieter wechseln, und von dem bekommt der bEva eine Prepaidkarte und gut ist. Das war die Vorgeschichte.
Gerade bekam ich auf meinem Mobiltelefon einen Anruf von meinem Anbieter. Ein netter junger Mann bestätigte mir den Eingang der Kündigung und wollte gleichzeitig wissen, warum ich den Vertrag aufgebe. So was in der Art hatte ich schon erwartet und mir eine Antwort zurecht gelegt. "Ich brauche kein Handy mehr." Pause. Klar, so eine Antwort versteht niemand, dem so ein Teil ans Ohr gewachsen ist. "Darf ich fragen, wieso nicht?" "Weil ich einen Festnetzanschluss habe. Und wer mich erreichen will, der ruft mich da an. Und wenn er mich nicht erreichen kann, dann versucht er es später noch einmal. So hat das schon immer funktioniert." Ich konnte mir sein Gesicht genau vorstellen. Die blöde Alte redet Stuss. "Man kann Sie aber nicht erreichen, wenn Sie unterwegs sind!" Nein, könnte man nicht, wenn ich gar kein Handy hätte. Aber noch gilt der Vertrag ja. "Das macht nichts. Mich will niemand erreichen, wenn ich unterwegs bin. Weil man es später wieder mit dem Festnetz probiert." "Sie haben aber einen günstigen Vertrag. Sie zahlen nur 15 Euro im Monat." Stimmt nicht, ich zahle monatlich mehr als das doppelte für Leistungen, die ich kaum nutze."Das ist so nicht richtig. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, das der Vertrag auslaufen soll und Schluß ist." "Aber das ist erst im November der Fall, und ich kann Ihnen ein Angebot unterbreiten, da zahlen Sie nur noch 10 Euro im Monat." Und dann verlängert sich wieder mein Vertrag bei Euch um 24 Monate, Du Heimchen. Schlimm genug, dass ich nicht im letzten Jahr darauf gekommen bin, dann wäre ich den Vertrag schon los. "Danke, ich möchte nichts mehr ändern, bis der Vertrag ausgelaufen ist." "Und ich kann Sie nicht überzeugen?" "Nein." "Gut, dann läuft der Vertrag Ende des Jahres aus." "Das hätte ich dann gerne schriftlich." "Schriftlich?" Schreiben wirst Du ja wohl noch können. Macht doch ohnehin alles der PC und fertige Schriftsätze sind ja nicht so schwer, oder? "Ja, bitte schicken Sie mir Ihre Kündigungsbestätigung mit dem Ende der Vertragslaufzeit zu. Vielen Dank und einen schönen Tag!" "Danke, Ihnen auch..."
Gut. Nun warte ich auf Post. Vielleicht aber rufen sie noch mal an. Die können sich nämlich nicht vorstellen, dass jemand kein Handy braucht. Da kennen sie aber den bEva schlecht!

13.02.2012

Wieder da


Kaum zu glauben, aber der Magnet ist wieder da. Und warum? Weil ein netter anonymer Mitleser diesen Kommentar hinterlassen hat:

Nachforschen lassen, unbedingt. Das "Aufschneiden", gerne auch bei Münzen, aber bei Kühlschrankmagneten vermutlich ähnlich, passiert oft durch die Verteilanlage und sieht nur so aus, als ob da jemand Ihren Briefinhalt wollte.
Der "Bodensatz" der Briefverteilanlagen wird aufbewahrt für den Fall, dass sich jemand suchend meldet. Ist keine Erfolgs-Garantie, aber die Erfolge sind doch verblüffend gut wenn man einen unverwechselbaren und nicht allzu zerbrechlichen Gegenstand vermisst.
http://www.deutschepost.de/dpag?tab=1&skin=hi&check=yes&lang=de_DE&xmlFile=1020189
Ich habe also einen Nachforschungsantrag gestellt, und am 10.2. kam er mit der Post hier an, der abgängige Magnet. Nun klebt er hoffentlich am Kühlschrank der besten Freundin, die den Text wahrscheinlich wörtlich nimmt :-). Fazit: Die Welt ist doch nicht ganz so schlecht, wie ich immer annehme!

12.02.2012

Zum Glück keine Chrysanthemen

Ich sichte den Belegordner des alten Mannes. Gerade bin ich bei den Rechnungen für 2009 angekommen. Er hatte für die Gartenarbeit, die er nicht mehr allein schaffen konnte, einen Hausmeisterdienst beauftragt. Der Rechnungsbetrag belief sich inkl. Mehrwertsteuer auf  83,30 €. Für eine Stunde Arbeit. Und ich Depp mache immer alles umsonst. Der Rechnungsschreiber schien aber keine Gärtnerausbildung gehabt zu haben. Und mit den Pauschalen hatte er es auch nicht so.


Na egal, Hauptsache ist, dass das Ergebnis gestimmt hat. Mit den Zahlen und im Garten.

09.02.2012

Meine Oma

Du wurdest am 9. Februar 1902 in Bant geboren. Heute gehört der Ort zu Wilhelmshaven. Dein Leben lang warst Du mit der Stadt an der Nordsee eng verbunden, zumal Deine Verwandtschaft dort lebte. Deine Mutter war nicht mit Deinem Erzeuger verheiratet. Seine Familie verbot ihm sie zu heiraten, weil sie einer anderen Gesellschaftsschicht angehörte. Als er eines Tages verschwand, ließ er einen silbernen Taufbecher zurück sowie Deine fünf Jahre ältere Schwester, Dich und Deine Mutter im Stich. Deine Mutter nahm eine Arbeit in einem Geburtshaus an und konnte Euch von ihrem Lohn mehr recht als schlecht ernähren. Glücklicherweise durfte sie mit ihren Kindern im Geburtshaus mietfrei wohnen. 1906 heiratete sie einen anderen Mann, der Dich und Deine Schwester adoptierte. Ihr habt ihn zärtlich geliebt und nanntet ihn wie selbstverständlich "Vater".

Du wirst 1916 aus der Schule gekommen sein. Ich weiß nicht, ob Du überhaupt einen Beruf erlernt hast. Ich meine mich erinnern zu können, dass Du Deiner Mutter im Geburtshaus zur Hand gegangen bist.

1923 lerntest Du Deinen Mann kennen. Er war als Färbergeselle "auf der Walz". Gern hätte ich erfahren, wie und wo Ihr Euch begegnet seid, leider haben wir nie darüber gesprochen. Deinetwegen blieb er eine Zeitlang vor Ort, aber als sein Vater erkrankte, musste er zurück nach Südniedersachsen. Du bist ihm aus Liebe gefolgt, und 1924 wurde kurz nach Deiner Hochzeit Eure Tochter, meine Mutter, geboren.

 Du warst meine Lieblingsoma. Du warst immer für mich da, wir wohnten nicht zusammen in einer Wohnung, aber Tür an Tür. Ich habe oft bei Dir gegessen, weil es bei Dir viel besser schmeckte als zu Hause. In Deiner Küche stand ein rotes Samtsofa mit Trotteln an langen Bändern, aus denen durfte ich viele Zöpfe flechten. Es gab einen grünen Wellensittich namens "Peter", der nie geflogen ist, sondern alle Wege auf dem Küchentisch zu Fuß zurücklegte. Niemand konnte am Bett so schöne Geschichten über den doofen August und seinen Freund Max erzählen wie Du. Die Ferien mit Dir an der Nordsee habe ich genossen, unsere Sandburgen waren immer die schönsten. Ganz genau erinnere ich mich an ein Osterfest. Es hatte geregnet, und Du verstecktes meine Geschenke in Deiner Wohnung. Ich fand einen kunterbunten, großen Ball für den Garten. Der durfte dann mit in Opas Kleingarten. Dort stand eine Hütte ohne Scheiben in den Fenstern. Wenn es regnete, musste man seine Wurstbrote auf einer Bank am Tisch sitzend mit einem aufgespannten Regenschirm im Rücken verzehren. Nie wieder haben Wurstbrote so gut geschmeckt.

Du hast das Kaiserreich, den 1. Weltkrieg, die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den 2. Weltkrieg und das Wirtschaftswunder erlebt, bezahltest Dein Brot in Deiner Heimatstadt mit verschiedenen Währungen, hast lange die Wäsche der ganzen Familie im Waschhaus im Kessel gewaschen, hast im Konsum eingekauft, hast Sammelmarken gesammelt, in der Telefonzelle telefoniert, Marmelade gekocht, Erbsen und Bohnen eingekocht und Dein Kleingeld im Milchtopf gespart. Deine Rocklängen variierten nach Zeitgeist und Mode, und Dein echter Fuchskragen mit Beinen, Kopf und Schwanz wurde über Jahrzehnte gerettet und im Winter mit dem leisen Geruch nach Mottenkugeln getragen.

1978, ich lebte schon einige Jahre mit meinem Mann in einer anderen Stadt, bist Du  von einem Tag auf den anderen gestorben. Einfach so. Ich konnte mich nicht von Dir verabschieden, nur einen letzten Rosengruß in Dein Grab werfen. Heute ist Dein 110. Geburtstag. Ich trinke auf Dich ein Täßchen Ostfriesentee mit Sahnewolke und Kluntsche aus Deiner Lieblingssammeltasse. Es war immer so schön mit Dir, liebe Oma, und ich denke gerne und immer mit einem Lächeln auf den Lippen an Dich zurück.

08.02.2012

Der Badezimmerstuhl - eine wahre Geschichte

Es war ungefähr Mitte Oktober, als dem alten Mann einfiel, dass er sich nicht mehr stehend am Waschbecken waschen kann und er dringend einen Badezimmerstuhl benötigt. Meinen Einwand, man könne sich auf den Rollator setzen und so dem Waschbecken viel näher kommen, nahm er nicht zur Kenntnis. Böse Zungen behaupten, die Batterie im Hörgerät war leer. Er hätte sich schon beim Pflegepersonal danach erkundigt, und die hätten gesagt, sowas gäbe es in diesem Heim nicht. Er müsse sich den Stuhl verschreiben lassen. Ich konnte ihm kaum glauben und befragte dazu die Stationsschwester (männlich). Auch mir wurde wortreich verkündet, dass für so was ein Heim kaum zuständig sein könne.

Also bin ich zum Sanitätshaus seines Vertrauens gefahren und habe mir Badezimmerstühle für den alten Mann angeschaut. Er kann nicht mehr ohne Armlehnen am Stuhl aufstehen, und so kam ein Hocker schon mal gar nicht in Frage. Die passende Badbestuhlung schlug locker mit 220 Euronen im Niedrigpreisniveau zu Buche, und ich dachte noch im Laden sehr heftig über eine Alternative nach.

Eine Woche später besuchte ich für den alten Mann seine Ärztin, und während des Gesprächs erkundigte ich mich, ob sie ihm einen solchen Stuhl verschreiben dürfe. Sie versprach, sich bei ihrem nächsten Besuch im Altersheim des Problems anzunehmen.

Mitte November ging im Flur des Heimes zufällig ein Mitarbeiter eines anderen Sanitätshauses mit mehreren Rezepten in der Hand an mir vorbei. Einer inneren Eingebung folgend fragte ich ihn, ob er auch ein Rezept für den alten Mann dabei habe. Und siehe da, er hatte sogar zwei: Eines für einen Rollstuhl und eines für einen Badezimmertoilettenstuhl. Leider dürfe er mir die Rezepte nicht zeigen (Datenschutz - dabei bin ich die Betreuerin) und erst recht nicht aushändigen. Ich war etwas stinkig sehr verwundert, weil das Heim darüber entschieden hatte, wer den Auftrag für beide Teile bekommt. Man hatte dem alten Mann die Rezepte abgenommen und einfach weitergegeben.

Anfang Dezember waren weder der dringend benötigte Rollstuhl (mit dem man sich auch gut an ein Waschbecken setzen könnte) noch der Toilettenstuhl ausgeliefert worden. Ich fuhr vor meiner Abreise in die USA zu dem besagten Sanitätshaus und stellte ein paar unangenehme Fragen. Natürlich gäbe es keine unlauteren Absprachen zwischen der Fa. und dem Heim. Natürlich hätte mir der Mitarbeiter die Rezepte aushändigen dürfen. Natürlich könne ich sie sofort zurück haben. Leider, leider lägen sie aber gerade in Bielefeld (Hä?) bei der Krankenkasse zur Genehmigung und wenn man die Rezepte jetzt zurück hole usw. usw. Ok. Ich ließ meine E-Mailadresse da mit der Bitte, mich sofort zu informieren, wenn die Sachen ausgeliefert wurden.

Weihnachten waren weder Rollstuhl noch Toilettenstuhl beim alten Mann. Ich meldete mich also über die Website beim Sanitätshaus. Drei Tage später war der Rollstuhl da. Weder vom Badezimmerdesignerstück noch vom Rezept weit und breit eine Spur. 

Sofort nach meiner Rückkehr Mitte Januar besuchte ich den alten Mann und fragte ihn nach dem Toilettendings. Nix. Also wieder zum Sanitätshaus persönlich. Dort erklärte mir ein netter Mitarbeiter, dass die Krankenkasse den Stuhl abgelehnt habe, weil er vom Heim gestellt werden müsse, da der alte Mann dort ständig lebe. Nur bei der häuslichen Pflege wäre ein Stuhl genehmigt worden, hierbei sei aber die Kostengrenze zu beachten. Aha. Einen Ablehnungsbescheid konnte er mir nicht zeigen. Ich bat ihn, mir diesen zu besorgen, ich habe ihn jedoch bis heute nicht.

Im Heim bat ich eine Woche später (natürlich an einem Donnerstag) um ein Gespräch mit der Pflegedienstleiterin. Sie hatte sofort Zeit für mich, besprach mit mir sehr verständnisvoll einige Probleme des alten Mannes und hatte selbstverständlich sofort einen Toilettenstuhl auf Lager, fabrikneu. Er musste nur noch zusammengebaut werden, und spätestens am folgenden Montag hätte der alte Mann das Ding zur Verfügung. Warum ich nicht früher danach gefragt hätte, wenn er ihn doch so dringend benötige? Örgsörgsörgs. Örgs.

Am Sonntag darauf besuchte ich wieder den Herrn im Heim. Kein Toilettenstuhl zu sehen. Er erzählte mir, dass er dringend den Stuhl brauche, und niemand kümmere sich darum. Er kann nicht verstehen, warum keiner sich um ihn und den Stuhl kümmert, dass sei doch nun wirklich nicht schwierig. Nein. Ist es nicht.

Donnerstag - Opatag. Beim Besuch freundlich bei den Pflegern und der Verwaltung nachgefragt, wo denn dieser blöde KloToilettenstuhl bliebe? Von den Pflegekräften wußte niemand etwas, und die nette Dame in der Verwaltung schwor Stein- und Bein, dass einer ausgeliefert sein und bei meinem Vater stehen müsse. Und der alte Mann behauptete weiterhin, er habe noch nie einen Stuhl dort gesehen. Örgs.örgs.örgs.

Freitag. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende die Pflegedienstleiterin des Heimes. Sie teilt mir mit, dass mein Vater am Montag wie besprochen den Stuhl erhalten habe, er diesen aber nicht wollte und den Hausmeister samt Stuhl aus dem Zimmer geworfen habe. Was sie denn jetzt machen soll? Mein Vater hätte gesagt, er brauch so ein Ding nicht. Meinerseits Stille. Lange Stille. Die Tante am anderen Ende fragt schon beunruhigt nach, ob ich noch dran sei. Ich konnte vor meinem Wutausbruch noch höflich darum bitten, den Stuhl noch einmal "auszuliefern", dabei einen Gruß von der Tochter zu bestellen, die sagt, er soll ihn behalten.

Mittwoch. Vorgezogener Opatag, weil Donnerstag selbst ein Termin. Der Stuhl steht in seinem Zimmer, nicht im Bad. Direkt an der Tür unter der Garderobe. Das "Schxxßding" will er nicht. Das ist zu groß. Und überhaupt, warum ich mir immer so einen Käse ausdenken würde, er könne das nicht verstehen. Er könne doch noch gut zur Toilette gehen! Ok. Ich glaube, es war das letzte Mal. Ich mache nie-nie-nie wieder so einen Aufriss, um dem alten Mann einen Gefallen zu tun. Never ever. Bis zum nächsten "Kannste für mich mal". Ich doof. Ich. 


PS.: Seit gestern liegt er im Krankenhaus. War heute bei ihm. Bin mit einer Liste dringend von ihm jetzt sofort da benötigter Konsumgüter wieder gegangen. Noch Fragen?
 

03.02.2012

Babyglück

Dein Opa trägt Dich vor mir her und Du schaust ihm über die Schulter. Plötzlich siehst Du, wie ich mich leise von hinten anschleiche. Deine Augen leuchten erwartungsfroh, und um Deinen Mund liegt schon ein kleines Lächeln. Ich stürme auf Dich zu, und Du quietscht vor Vergnügen und lachst laut und glucksend. Deine Augen sagen "noch mal", und gerne komme ich der Aufforderung nach. Du bist gerade etwas über fünf Monate alt, und Du wirst in ein paar Tagen wieder nach Hause fliegen. Eben liefen mir die Tränen vor Lachen und Glück, und einen Moment später möchte ich weinen, weil ich Dich schon jetzt vermisse. Du liebes Baby, wie schön, dass es Dich gibt und ich Dich kennenlernen durfte! Komm bald wieder!