16.04.2012

Endlich

Frau chat noir hat lange gespart und lange auf eine gute Gelegenheit gewartet. Es hat einige Geburtstage und Weihnachtsfeste gedauert, bis ich das Geld dafür zusammen hatte. Und seit Freitag gehört sie mir. Tschakka! Jetzt heißt es lesen, üben und alles fotografieren, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Denn das Teleobjektiv dazu muss erst wieder erspart werden. Aber in diesem Jahr wird mein Bärenkalender noch besser. Ich freue mich so!

14.04.2012

Erkaufte Freundlichkeit

In der Woche vor Ostern war der alte Mann allein mit dem Rollstuhl in der Innenstadt unterwegs. Ostersonntag berichtete er stolz davon, er sei mit einer Pflegerin in die Stadt und mit dem Taxi wieder zurück gefahren. Ich fand diese Aktion prima, sie vermittelte ihm wieder mehr Gefühl von Unabhängigkeit und Selbstvertrauen. Meiner Meinung nach muss man gegen Selbstmitleid ankämpfen und manche Dinge im Alter hinnehmen, wie sie sind, weil man sie nicht mehr ändern kann. Dazu gehört z.B. auch ein Rollstuhl. Der alte Mann mag aber nicht akzeptieren, dass er im Juli 92 Jahre alt wird. Das zeigt auch die Geschichte, die er immer wieder erzählt: Junge Frauen von Anfang bis Mitte 40 halten ihn stets für höchstens 70, er ist dann sehr geschmeichelt und hält sich für unwiderstehlich. Er begegnet den Frauen in der Stadt beim einkaufen, weil sie ihm lächelnd die Tür aufhalten, es kann die Sprechstundenhilfe beim Arzt, die Physiotherapeutin in der Massagepraxis oder die Kellnerin im Café sein. Nun sind es die Pflegerinnen im Altersheim. Sie alle sind professionell nett zu ihm, und er denkt, sie baggern ihn an.

Weil er seinen Geldgeschäften nicht mehr allein nachkommen kann, hat er mir die Vollmacht über sein Konto eingeräumt. Ich begleiche darüber seine Rechnungen, überweise Geld auf sein Taschengeldkonto im Pflegeheim und hole für ihn die Auszüge. Er hat nicht viel Geld nebenbei zur Verfügung, seine Rente geht ganz für die Heimunterbringung drauf. Ich habe sein Haus vermietet, und was von der Miete übrig bleibt, steht ihm zur Verfügung. Davon bezahlt er sein Telefon, die GEZ, seine Fernsehzeitung, den Friseur, die Fusspflege, verschreibungsfreie Medikamente, Artikel für die Körperpflege und alles für seinen täglichen Bedarf, der über die Vollverpflegung hinaus geht. Er hat bei mir ein "Anschreibebuch", dort notiere ich seine Einkäufe, die er bei mir bestellt, und ab und zu gibt er mit Geld dafür zurück. Allerdings trage ich vieles nicht ein, ich will ja, dass es ihm gut geht.

Am Donnerstag habe ich Kontoauszüge geholt. Dabei stellte ich fest, dass er bei seinem Ausflug in die große Stadt bei der Fa. Ka**ta*t mehrmals seine EC-Karte eingesetzt hatte, die größte Ausgabe waren rund 70€. Weil er sich neulich bei mir über seine unmodischen T-Shirts beklagte, nahm ich an, dass er Neue erworben hatte. Also sprach ich ihn darauf an und bat ihn, mir seine schicke Neuerwerbung zu zeigen. Er schaute mich fragend an und konnte meine Frage überhaupt nicht verstehen. Wieso T-Shirt? Als ich ihm die Auszüge zeigte, begann er fürchterlich zu schimpfen. Ich solle ihn nicht kontrollieren, ich wolle ihn nur ärgern, und das alles ginge mich nichts an. Ich habe trotzdem gefragt, was er für sich gekauft habe, und es stellte sich heraus, dass der Einkauf nicht für ihn, sondern für das Pflegepersonal war. Für ein bestimmtes Pflegepersonal. Weiblich. Schließlich müsse man die Leute bestechen, damit sie weiter nett zu ihm seien, so seine Begründung. Ich gebe zu, ich war zunächst sprachlos.

Dann erinnerte ich mich daran, dass er im letzten Jahr, als er noch mit dem Rollator laufen konnte, so etwas schon einmal gemacht hat. Damals bemerkte ich eine Ausgabe von mehr als 90€ auf dem Kontoauszug, und später fand ich den Kassenbeleg dazu. Es handelte sich um einen Damenduft inkl. Lotion und Duschgel aus der Parfümerie des o.a. Warenhauses. Schon damals erzählte er mir nichts darüber. Ich habe daraufhin mit der Leitung des Heimes gesprochen, denn laut Vertrag dürfen die Pflegekräfte keine Geschenke annehmen. Das hat aber niemanden wirklich interessiert.

Nun denke ich darüber nach, ob ich wieder etwas sagen soll. Ob es sich lohnt, sich aufzuregen. Ich gebe zu, ich bin gekränkt. Vielleicht kommt meine Enttäuschung und mein Ärger auch daher. Ich erledige den gesamten Schreibkram für ihn, mache jede Woche Besuche und Besorgungen, gehe jede Woche mit ihm Kaffee trinken, investiere viel Zeit - mit den wöchentlichen Besuchen ist es ja nicht getan - und Geld und bekomme noch nicht einmal ein "Danke". Im Gegenteil - es wird immer sehr genau geprüft, ob ich denn alles richtig besorgt habe und wieviel es gekostet hat. Ich versuche, für ihn zu sparen, damit er genug Geld zur Verfügung hat - und dann so etwas.  Ich bin traurig, gekränkt und böse auf ihn. Und ich frage mich, ob es das Wert ist. Wahrscheinlich nicht. Es ist sein Geld, seine Umgebung, und wenn er meint, alles wird besser mit der gekauften Freundlichkeit, soll er es denken. Und es tut nach zwei Tagen auch nur noch ein bißchen weh.             

12.04.2012

Tiernamen

Meine Großfamilie ist ja immer für Geschichten aus dem Leben gut. Nach dem Brunch mit der "Kernfamilie" am Ostersonntag traf sich die ortsansässige "Sippe" (nur 16 People, die anderen hatten andere Verpflichtungen) zunächst zu Kaffee und Kuchen. Die Aufnahme weiterer Kalorien am späteren Abend und der Besuch des Osterfeuers waren weiterhin geplant. Bei solchen Familienevents wird natürlich der neueste Klatsch und Tratsch aus dem näheren Umfeld der teilnehmenden und besonders der verhinderten Personen durchgekaut. Dabei erfuhr ich, dass die Ex eines Neffen des bEva außer dem gemeinsamen Sohn auch zwei Schlangen, einer Schnappschildkröte und einer Katze ein zu Hause gibt. Die Namen der Schlangen und der Kröte waren dem Berichterstatter nicht bekannt. Aber der Kater heißt Adolf. Seither denke ich darüber nach, ob ich mir ernsthafte Sorgen um das Wohl des Kindes machen muss. Ich hoffe, dass Adolf, der Kater, seinen Namen nur nach dem Oppa der anderen Familie hat.. Und wie ruft man so ein Tier? "Na Adchen, haste schön Mäuschen gefangen?" Schnurrrrr.... Ok., es ist schon spät und Frau chat noir muss anscheinend dringend schlafen. Ich suche dann mal eben meinen Kater Mörchen und gehe zu Bett.

09.04.2012

Osterbrunch

Die "Kernfamilie" trifft sich zum Osterbrunch. Der alte Mann sitzt im Rollstuhl am Tisch. Er weiß gar nicht, was er essen soll, in der Karte stehen ja so viele Gerichte. Was wir denn alle essen, will er wissen. Es ist ein Brunch (und nicht sein erster), er könne von allem nehmen, so wie er es mag. Zunächst mag er nichts, denn er versteht nichts, weil er sein Hörgerät nicht dabei hat. Wir versuchen ihm möglichst ohne Lärmbelästigung für die Nebentische zu erklären, was hier Sache ist. Währenddessen geht seine Enkelin los und stellt einen Vorspeisenteller für ihn zusammen. Er beguckt die Speisen darauf sehr genau, stellt fest, dass er Antipasti gar nicht mag und motzt rum. Sein Enkel übernimmt automatisch die Sprüche, mit denen er seinen 1 1/2jährigen Sohn zum Essen bewegt: Iss, was Du magst, den Rest läßt Du liegen. Klappt bei kleinen Jungs, nicht bei Alten. Er stochert auf dem Teller herum, nimmt ein bisschen hiervon, ein bisschen davon und schiebt den Teller von sich. Sein Schwiegersohn geht und stellt einen Teller mit warmen Gerichten zusammen. Zweite Runde. Was das denn alles sei? Warum sind denn die Bohnen in Speck eingewickelt? Und Rind geht ja gar nicht, das ist viel zu zäh. Rumgestochere. Teller weg. Jetzt muss er zu Toilette. Der bEva geht mit ihm. Wir anderen versuchen, einen netten Vormittag zu verbringen. Er kommt zurück und weint plötzlich. Alle schauen ihn bestürzt an, aber keiner fragt nach. Er putzt sich die Nase und stochert weiter. Jetzt ist das Essen natürlich kalt. Ob er einen neuen Teller mit warmen Gerichten oder lieber Nachtisch haben möchte? Apfelgelee im Glas mit Sahne, Rote Grütze mit Vanillesoße, Mousse au Chocolat, Crème Caramel oder Bayerische Crème?  Er möchte Nachtisch und von allem, futtert still vergnügt vor sich hin. Mit Nachschlag. Am frühen Nachmittag bringt sein Enkel ihn zurück ins Heim. Dort weint er wieder, will aber nicht sagen, warum. Er tut mir so leid, aber auch zu Ostern und sogar bei seiner Familie ist er ein einsamer, alter, störrischer Mann, der nicht aus seiner Haut kann. Traurig.

02.04.2012

Zaungast

Frau chat noir stand vor einigen Wochen am Rand eines Parkplatzes und schaute einem jungen glücklichen Paar hinterher. Es ging eng umschlungen zu seinem Auto, sie lachten und sprachen lebhaft miteinander, der Mann trug sein kleines Kind auf den Schultern. Wehmütig schaute ich hinterher. Vor ein paar Tagen stand ich wieder am Rand eines Parkplatzes, und wieder entfernte sich von mir ein glückliches junges Paar lachend und lebhaft kommunizierend Richtung Auto, der Mann schob einen Kinderwagen vor sich her. Wieder überkam mich ein Hauch von Wehmut.
Plötzlich wurde mir sehr bewußt, dass ich das Leben meiner Kinder nur noch von außen betrachte. Irgendwann merkt man tatsächlich, dass sie nur geliehen sind, die Zeit, die man ständig mit ihnen gemeinsam verbrachte, ist vorbei. Sie haben eigene Familien, gehen ihre eigenen Wege. Aber sie lassen zu, dass man ab und zu als Beobachter Blicke über den Zaun ihres Lebens werfen darf, und diese Momentaufnahmen machen mich sehr glücklich.

01.04.2012

Aprilscherz

Vielleicht erinnert sich hier jemand an meinen früheren Chef (C.), und die Geschichte mit dem blauen Auto. Der Mann hatte seine eigene Art Humor, und er liebte es, andere Menschen "auf den Arm" zu nehmen. Der 1. April war stets ein willkommener Anlass, um die Mitarbeiter mit falschen Aufträgen zu beglücken. Botengänge, Telefonate, Besorgungen - jedesmal hatte der Gesprächspartner keine Ahnung von dem, was man vorbrachte. Ich kann mich da noch gut an ein Klavier erinnern, dass für unsere Geschäftsräume angeblich preisgünstig angeschafft werden sollte. Der Verkäufer schaute mich bei meinem Anliegen ungläubig an und wies freundlich, aber bestimmt auf das Datum hin.
 Solche Aktionen schreien natürlich nach Rache. Aber man muss gut überlegen, welche Art von Rache man auswählt, schließlich ist das Opfer die Machtperson in der Firma. Ich hatte jedoch eine gute Idee, und ich setzte sie auch in die Tat um. C. hatte in seinem Büro seinen eigenen, von seinem Großvater geerbten Schreibtisch stehen. Ein wunderbares antikes Stück, das von ihm eigenhändig gepflegt und gehegt wurde. Die Reinigungskraft durfte es nicht berühren aus Angst vor agressiven Putzmitteln, sogar Staubwischen war verboten.
Es ergab sich, dass an einem 1. April ein wichtiger Geschäftspartner einen Termin bei C. hatte. Im Laufe des Gesprächs wurde Kaffee und Gebäck serviert, und in diesem Fall übernahm ich die Aufgabe. In meiner Jackentasche hatte ich einen besonderen Scherzartikel verborgen: Ein falsches Glas schwarze Tinte mit einem Tintenfleck aus Blech. Ich stellte mein Tablett unter sehr bösen Blicken von C. auf dem Schreibtisch ab, stellte mich so, dass er nicht sehen konnte, was ich auf dem Tisch deponierte, und servierte den Kaffee. Auf dem Schreibtisch sah es nun so aus, als sei ein Glas mit schwarzer Tinte umgefallen und die Tinte ausgelaufen. Geräuschlos verließ ich den Raum. Nach ca. 40 Minuten verabschiedete sich der Gast. Kurz darauf rannte C. zur Toilette, kehrte mit einem Knäuel Papierhandtücher in großer Geschwindigkeit zurück und schimpfte laut vor sich hin. Ich saß grinsend an meinem Schreibtisch und wartete auf seine Reaktion, die auch prompt folgte. Er schaute in mein Büro: "Das waren doch Sie, oder?" In mein "April, April" hinein lachte er laut und fröhlich. "Bravo! Das war wunderbar. Kann ich die Tinte behalten?" Natürlich durfte er, und ich wette, dass er damit noch einige andere Opfer in den April geschickt hat.