29.07.2012

Schützenfest

Frau chat noir liest Zeitung. In der vergangenen Woche war hier Schützenfest. Als ich den Artikel darüber lese, fällt mir eine Begebenheit aus der Kindheit wieder ein.

Meine Mutter hatte mir ein Kleid genäht. Es war diesmal gelbweiß kariert, hatte aufgesetzte Taschen, einen weiten Rock und war vorne durchgeknöpft. Wunderbare, große weiße Knöpfe, und den Halsausschnitt, die Ärmel und die Taschen zierten weiße Baumwollspitze. Ich fand mich sooo schön!

In diesem Kleid durfte ich eines Nachmittags mit meiner Oma und meiner Mutter in "die Stadt" gehen. Die Straßen wurden überspannt von Girlanden mit Wimpeln und die Stadtbusse schmückten vorne Fähnchen in den städtischen Farben (gelb/schwarz). Wir kamen an der Wäscherei vorbei, in der mein Großvater als Färbermeister arbeitete, und blieben am Ende der Straße stehen. Viele Menschen standen schon dort, ich fragte meine Oma, was denn da los sei? "Die Schützen ziehen durch die Stadt" bekam ich zur Antwort. Und da kam er auch schon, der Umzug. Allen voran die Kutsche der Brauerei mit vielen Fässern Bier, gezogen von vier großen Kaltblütern. Dann kamen Menschen in Uniformen, meistens grün, sie trugen glitzernde Orden auf der Brust und Blumen in der Hand. Zwischendurch folgten Musikkapellen, der Reiterverein mit vielen Reitern usw. usw. Ich stand neben meiner Oma und staunte und hatte ein bißchen Angst vor den Pferden. Ich glaube, sogar die Polizei war damals noch beritten.

Als der Zug zu Ende war, gingen wir zum Schützenplatz auf den "Rummel" (alles noch zu Fuß, wenn ich mir heute die Strecken so ansehe...), um die Fahrgeschäfte zu bestaunen, Karussell zu fahren, Zuckerwatte, Paradiesäpfel, gebrannte Mandeln und Bratwürstchen zu essen. Wir kauften Lose, zogen Fäden (ich weiß gar nicht, ob es das heute noch gibt), warfen Ringe über Vasen und sammelten so einige Gewinne, die wir eigentlich gar nicht gebrauchen konnten. Gerne hätte ich eine Puppe in einem Rüschenkleid gehabt, aber das Glück hatte ich nie. Zum Trost bekam ich ein Lebkuchenherz mit "Süße" drauf. Das hing in meinem Zimmer, bis es von irgendetwas aufgegessen wurde, von dem ich nicht wissen wollte, was es war. Der ganze große Platz wurde für den "Rummel" genutzt, wir blieben bis zum Abend, dann hatten wir alles gesehen und auch die vielen Lichter bestaunt. Bepackt und mit vollem Bauch traten wir den Heimweg an. Mir war ein bißchen schlecht.

Das Spektakel auf dem Platz dauerte von Samstag bis Samstag, und am Dienstag gab es ein Höhenfeuerwerk. Dazu durfte ich spät abends noch einmal aus dem Bett aufstehen und aus dem Flurfenster im zweiten Stock schauen, denn von dort konnte man es sehen. Und hören...

Heute stand in der Zeitung, dass das Schützenfest früher schöner war. Kein Wunder, der Schützenplatz ist mit einer teuren Halle zugebaut, die Stadt wird nicht mehr geschmückt, die Busse schon gar nicht. Es gibt keinen Umzug und auch kein Feuerwerk mehr. Die Brauerei wurde verkauft und das Gebäude ist längst abgerissen (auf dem Gelände wohnt heute der alte Mann im Altersheim), das Ganze dauert nur noch drei Tage und der "Rummel" wird auf dem Parkplatz vor dem Sportplatz aufgebaut.  Ich bin gar nicht erst dort gewesen, die kindliche Faszination fehlt und die schöne Erinnerung an früher bleibt so schön, wie sie ist.

25.07.2012

Hä?

Weil gerade mal Sommer ist und man ja nie so genau weiß, wie lange noch, haben der bEva und ich heute morgen spontan beschlossen, einen Ausflug zu machen. Wir waren uns sofort einig über das Ziel und den ganzen Tag auf dem Wasser. Am Abend sind wir noch essen gegangen mit Blick auf das Wasser, und dann ging es wieder heim. Ab Mitte der Strecke wurden die Gespräche seltener, und wir fuhren bald schweigend durch die Gegend. Das lag an mir, ich war satt und zufrieden, hatte mein Gehirn heruntergefahren und starrte träge aus dem Fenster. Wir kamen durch eine kleine Stadt, in die vor vielen Jahren ein Kumpel vom bEva gezogen war. "Ob er hier noch wohnt?" schreckte mich die Stimme meines Liebsten aus der Döserei hoch. Mein Gehirn fuhr aus dem Sparmodus langsam hoch. "Wer?" Offenbar zu langsam. "Na, Ernstchen Müller!". Voller Level erreicht. "Müssen wir mal googlen." "Mhhmmm. Wie hieß der eigentlich mit Vornamen? Den braucht man doch dazu?" Mein Gehirn schien noch auf Sparflamme zu laufen. "Wer?" "Na der Müller. Wie hieß der noch gleich mit Vornamen?" "Ähhh - Ernst?" Schweigen auf meiner linken Seite. Lange. Sehr lange. So lange, dass mein Gehirn wieder ins Standby absank. Und die Landschaft flog an mir vorüber.

22.07.2012

Griechischer Humor

Gestern Abend beim Griechen. Auf die Frage, ob mit der EC-Karte bezahlt werden kann, antwortet der Inhaber Nikolaos: "Mit jeder Karte kannst Du zahlen. Nur nicht mit einer griechischen." Alles klar. Gut, dass unsere Bank keine griechische ist...

20.07.2012

Unterwegs für den alten Mann

Frau chat noir ist in Äktschen. Der alte Mann hält mich und den bEva auf Trab. Es verschwinden aus seinem Zimmer unaufgeklärt Gegenstände, die für ihn wichtig sind. Zunächst war da sein Hörgerät, das er seit Ostern vermißt. Intensive Suchen in seinem Zimmer und im Heim (Restaurant, Wäscherei usw.) blieben erfolglos. Das teure Ding (er hat nicht unerheblich dazugezahlt) ist weg. Ebenso wie eine von ihm sehr geliebte Strickjacke. Einfach nicht wiederzufinden. Und im Mai hat man ihm dann noch den Rollator weggenommen. Er war nicht in seinem Zimmer als es geschah. Das Heim schob es auf das Sanitätshaus, das Sanitätshaus auf die Krankenkasse, und die wußte von nichts. Viele Telefonate und persönliche Auftritte später ist alles geregelt: Er hat den Rollator (einen ganz Neuen) zurück (das Heim war "Schuld"), er bekommt in der nächsten Woche ein neues Hörgerät, der Abdruck wurde bereits bei ihm im Heim genommen (ein Kassenteil, jetzt muss er damit klar kommen), nur die Strickjacke gibt es noch nicht, die Herbstmode ist trotz herbstlichen Wetters wohl noch nicht da. Wir mußten einkaufen: Kaffee (nur löslichen Néscafé Gold ohne Koffein, das große Glas hält gerade zwei Wochen), Haarspray ("sitzt mein Haar auch ordentlich?"), Paracetamoltabletten, Lefax  ("die nehmen sie mir hier immer weg") und Dosenmilchtöpfchen. Wir müssen meistens für die eine oder andere Sache extra einkaufen fahren, weil er erst kurz vor unserem Besuch telefonisch ankündigt, was er haben möchte. Wir haben schon begonnen, für ihn Vorräte anzulegen.

Anfang Juli verstarb ein Freund des alten Mannes. In der vergangenen Woche (Mittwoch) nahmen der bEva und ich an der Beerdigung teil. Er selbst kann und will das nicht mehr ("der kommt zu meiner Beerdigung ja auch nicht"). Danach fuhren wir ins Heim und haben genau erzählt, wie es war und wer alles da war und zusammen Kaffee getrunken (darauf wartet er jede Woche, der Kuchen ist so gut dort im Restaurant.). Und natürlich die Besorgungen mitgebracht. Ich Dumme hatte Schokolade (?) vergessen. Hach.

Am Samstag war im Altenheim Sommerfest, und die ganze Familie reiste extra zur Teilnahme an. Leider hat man den alten Mann daran gehindert, für uns einen Tisch zu reservieren (was auch in Ordnung war, erst mal sind die Heimbewohner dran), darüber war er so erbost, dass man mit ihm später nichts anfangen konnte. Dabei hatten wir draußen in einem Gartenpavillion einen ganz tollen Platz, passten alle zusammen in das Häuschen, konnten alles sehen und wurden nicht naß. Er aber war nur am Meckern ("Hier ist es kalt, hier ist keine Musik, hier zieht der Rauch vom Grill rüber, der Kaffee ist lauwarm, der Kartoffelsalat zu wenig"). Wir anderen hatten einen schönen Tag, weil wir etwas gemeinsam unternommen haben, schließlich sehen wir uns nicht so häufig.

Montag hatte er Geburtstag (92.), ich hatte im Heim einen Raum reserviert, Kuchen bestellt und Gäste eingeladen. Ehemalige Nachbarn, ehemalige Kollegen, meine Schwiegermutter, ein Bekannter und die Familie mit noch 3 1/2 Personen (alle anderen waren ja schon am Samstag bei ihm und auch wieder abgereist). Er hat sich gefreut über die Geschenke, den Kuchen und die Leute. Ich hatte den Eindruck, dass ihm die Feier Spaß gemacht hat. Er war allerdings am Abend auf seinem Zimmer etwas verwirrt, küßte meine Schwiegermutter auf die Stirn und meinte, dass man sich nicht zanken müsse. Beide starrten sich dann an, und er bemerkte plötzlich, dass diese Frau die falsche Frau ist, gab ihr noch einen Kuss und entschuldigte sich für den ersten. Meine Schwiegermutter stand zur Salzsäule erstarrt vor ihm, starrte ihn nur an und sagte nichts. Redete gar nicht mehr bis wie dann gingen. So was ist ihr wohl schon lange nicht mehr passiert ;-)

Gestern waren wir wieder bei ihm, der wöchentliche Besuch stand an, und er erklärte uns bei Kaffee und Kuchen, dass er ja schon lange keinen Besuch mehr hatte und immer so alleine ist. Wir könnten doch öfter kommen... Sommerfeste und Geburtstage zählen nicht, das ist kein Besuch sondern Pflichtteilnahme. Ok. Wir wissen jetzt Bescheid. Nächsten Donnerstag besuchen der bEva und ich ihn wieder zur Kaffeezeit. Er hat schon Bedarf an Zahnpasta und Voltaren Salbe angemeldet. Ich gehe dann morgen mal zur Apotheke.

09.07.2012

Alles neu

Der Mai, der angeblich alles neu macht, ist zwar schon lange vorbei, aber mir war nach Veränderung. Und ich denke, so sind die Texte - vor allem in der mobilen Version des Blogs - besser zu lesen. Vielleicht erscheinen die neuesten Texte auch endlich wieder in den Blogrolls anderer Seiten. Meine eigene Blogroll habe ich überarbeitet, es gibt Neuzugänge und - was sagt man da? Trennungen? Abgänge? Keine Ahnung. Ansonsten wünsche ich allen eine schöne Woche mit viel Sonnenschein und wenig Gewitter!

08.07.2012

Heiliger Sonntag

Es ist Sonntag. Es ist 5.10 Uhr, als direkt an der Staatsgrenze zur 100qm-Welt der Schlaf der Bewohner von feindlichen Individien angegriffen wird. Im Grenzgebiet zum benachbarten Ausland stehen ein Mann und eine Frau und streiten. Es geht um Themen, die schon so alt sind wie die Menschheit: Andere Frauen, fremder Sex, zu viel Alkohol und zu wenig Geld. Er redet laut auf sie ein, sie keift zurück. Sie umrunden sich wie kampfbereite Hunde, spucken die Worte dem jeweils anderen vor die Füße. Plötzlich bewegen sie sich und schlendern mitten auf der Straße weiter, immer noch laut schimpfend. Sie gehen ein ganzes Stück die Straße hinauf, wobei das Gequake der Frau noch lange zu hören ist und allmählich vom üblichen Vogelgezeter überstimmt wird. Nach einer Weile nehmen die Stimmen jedoch an Lautstärke wieder zu. Sie kommen bummelnd den gegangenen Weg zurück. Ihr Streit hat nicht an Heftigkeit verloren. Wieder bleiben sie an der Staatsgrenze stehen und brüllen sich an, er grollend, sie schrill. Dann setzen sie sich wieder in Bewegung und biegen in eine andere Straße ab. Langsam werden die Stimmen leiser, Ruhe kehrt ein, der Gesang der Vögel erscheint lieblich nach dem Krach. Muss Liebe schön sein!

07.07.2012

Windstill

Im Garten ist es ganz ruhig. Kein Lüftchen weht, kein Vogel singt, auf der Straße fährt kein Auto. Nichts bewegt sich. Ich sitze auf dem Balkon und warte auf das erste Grummeln. Die Luftfeuchtigkeit ist unerträglich, obwohl die Temperatur gar nicht so hoch ist. Nach einer Weile kommt Wind auf, erste Tropfen fallen. Dunkle Wolken ziehen über das Haus, ein Blitz zuckt in der Ferne. Der bisher neben mir schlafende Kater hebt den Kopf, lauscht mit wackelnden Ohren, streckt sich und verläßt beim Donner den Balkon. Ich rücke meinen Sessel ganz an die Wand, höre dem jetzt rauschenden Regen zu und klappe mein Buch wieder auf. Wochenende. Balkon. Buch. Schokolade. Kater (wenn er jetzt nicht feige unter meinem Bett liegen würde). Was macht da schon ein Gewitter, wenn es weit genug weg ist? Der Wind läßt nach, der Regen hört auf, Mörchen kommt zurück. Heile kleine Welt am Samstag. Es ist wieder still. Ruhe kehrt ein.

02.07.2012

Stimmt auffallend.

Frau chat noir hat mal wieder gelesen ;-) Und aus dem Buchjournal 3_2012 aus einem Interview mit Sabine Asgodom* folgenden Satz für sich mitgenommen:

"Manchmal müssen wir uns verabschieden von der Hoffnung, dass unsere Eltern uns das geben können, was wir uns von ihnen wünschen."

Es geht darum, dass die Mutter der Autorin es nie über sich gebracht hat zu sagen, dass ihre Tochter etwas gut gemacht hat.

* Sabine Asgodom: So coache ich.  25 überraschende Impulse, mit denen Sie erfolgreicher werden. Kösel, 224 S., 17,99€