24.11.2013

Totensonntag

Schon wieder so ein trüber Tag im dunklen November. Aber für die Floristen - wie bei anderen "Gedenktagen" auch - ein gutes Geschäft. Überall, sogar in den Supermärkten, sieht man Grabgestecke. Persönlich kann ich die nicht leiden, darum habe ich auch nie eines für ein Grab erworben. Auch nicht, als das Familiengrab auf dem hiesigen Friedhof noch existierte.

Meine Mutter ist vor 21 Jahren viel zu früh gestorben. Damals wurde ihre Urne in dem eben erwähnten Familiengrab beigesetzt. Nach Ablauf der Grabnutzungsrechte wollte der alte Mann die Grabstelle absolut nicht verlängern. Ihm war der "Kaufbetrag", wie er so schön formulierte, zu hoch und egal, was mit meiner Mutter geschah. Und mit ihm, denn er war sich schon immer sicher, das er unsterblich ist.

Der Platz des Familiengrabes gefiel mir nicht, aber ich wollte auch nicht, dass die Stelle eingeebnet wurde und ich nicht mehr zu meiner Mutter hätte gehen können. Gerade zu dieser Zeit wurde auf dem alten Friedhof ein "Friedpark" eingerichtet. Dort werden die Urnen innerhalb eines bestimmten Areals in einer Wiese bestattet, nur die Namen der Toten findet man auf kleinen Emailleschildern an einer Holzstele wieder. Ich ließ also meine Mutter umbetten und das "große Grab" einebnen. Sogar auf den alten Stein verzichtete ich. Den wird die Friedhofsverwaltung an einen Steinmetz verkauft haben. (Ein Wunder, das ich dafür keine Gebühren zahlen musste.)

Seither gehe ich immer wieder zum Friedpark und besuche meine Mutter. Die Anlage liegt unter wunderschönen Bäumen. Man hat Bänke aufgestellt, es ist ein Platz der Ruhe und der Erinnerungen. Man kann dort nur an dem Fuß der Stele Blumen oder andere Dinge niederlegen, viel Platz ist dafür jedoch nicht. Zum Glück auch nicht für Grabgestecke. Aber andere Menschen haben Bänder, Windspiele oder Laternen in die umstehenden Bäume gehängt. Es wirkt heiter und fröhlich, auch wenn nicht die Sonne scheint. Ich weiß, das hätte meiner Mutter viel besser gefallen. Sie konnte den November nicht leiden. Diesen dunklen Monat, in dem man an trüben Tagen düstere Gestecke auf den Friedhof schleppt.



23.11.2013

Der nervige Busfahrer oder "Jetzt hauen Sie schon ab!"

Der Chef und ich hatten vor ein paar Wochen einen Termin im Altersheim mit dem Gutachter des Medizinischen Dienstes. Er sollte entscheiden, ob der alte Mann die Pflegestufe 3 bekommen würde. Einen entsprechenden Antrag hatte ich einige Wochen zuvor bei der Krankenkasse gestellt, weil der Pflegeaufwand an dem alten Mann viel größer geworden ist. Er liegt fast nur noch im Bett, hat körperlich sehr abgebaut und ist, auch wenn er hin- und wieder klare Momente hat, geistig verwirrt. Er kann sich nicht mehr allein anziehen oder sich waschen und rasieren. Er kann nicht mehr ohne Hilfe in und aus dem Rollstuhl und kann nicht mehr ohne Unterstützung essen. Er liest nicht mehr, er liegt im Bett und starrt auf den Fernseher oder er schläft.

21.11.2013

Randbemerkung 4

Auf Wunsch einer einzelnen Dame hat der Chef gestern ein Bild aufgehängt. Bei den Noirs läuft das so ab, dass der Hausherr die Bohrmaschine bedient und die Hausfrau den Staubsauger, mit dem sie den Bohrstaub auffängt. So auch heute. Brav habe ich das Rohr des Satubsaugers unter den laufenden Bohrer gehalten. Als der Chef fertig war, habe ich mich über die Menge an Bohrstaub auf dem Fußboden gewundert. Und dabei festgestellt, dass so ein Staubsauger nur funktioniert, wenn man ihn auch einschaltet. ÖRKS!

17.11.2013

Volkstrauertag


Nebel zieht über die gegenüberliegenden Häuser, als ich aus dem Fenster blicke. Leise rieseln die letzten Blätter von den Bäumen. Novemberwetter. Es ist kalt, und ein wärmendes Feuer im Ofen wäre jetzt nicht schlecht. Es würde zudem Licht in die Finsternis bringen, die sich an Tagen wie diesen in mir breit macht. Schon wieder so ein Gedenktag, der zwar in die Jahreszeit passt, aber mich darüber nachdenken läßt, ob man für das Erinnern an Soldaten wirklich einen besonderen Tag braucht. Für mich unbekannte Männer, die selbst im Tod noch in Reih' und Glied angetreten sind. Die, die auf dem hiesigen Soldatenfriedhof liegen, werden kaum noch Angehörige haben, die sie besuchen kommen. Nur ab und zu ist ein Grab in den langen Reihen geschmückt. Wer erinnert sich an sie?

Sie waren jung, viele gerade Anfang 20. Alle hatten das Leben noch vor sich, vielleicht waren sie gerade verliebt, oder eben Vater geworden, als sie in den Krieg ziehen mussten. Ihre Mütter und ihre Frauen hatten Angst um sie, waren glücklich über jedes Lebenszeichen in Form eines Briefes, den sie in den Händen halten und immer und immer wieder lesen konnten. Sie mussten tage- ja wochenlang auf Post warten, bis sie von ihren Sorgen vorrübergehend erlöst waren. Und mancher Brief kam an, da war der Sohn schon tot. "Gefallen für das Vaterland" stand in den Benachrichtigungen, die, auf dünnem Papier geschrieben, mit der Post kamen. Die Angehörigen, die zurück blieben, fragten sich nach dem Sinn dieses Opfers, das lebenslange Trauer bewirkte. Um den Sohn, den Mann, den Vater.

Heute müssen die Mütter und Frauen der Soldaten im Auslandseinsatz nicht mehr wochenlang auf ein Lebenszeichen warten. Trotzdem ist ihre Angst genauso groß, und sie verfolgen jede Nachricht im Fernsehen und im Radio, falls der Soldat sich nicht jeden Tag telefonisch oder mit einer E-Mail bei ihnen melden kann. 54 Soldaten sind bisher in Afghanistan für Deutschland gestorben. Auch um sie wird lebenslang getrauert werden, auch hier fragen sich die Angehörigen nach dem Sinn ihrer Opfer. Aber diese Toten rücken für mich den Sinn des Tages wieder in den Mittelpunkt, der sich "Volkstrauertag" nennt. Die Gesellschaft darf sie nicht vergessen, nicht die Toten aus dem 1. und 2. Weltkrieg, und nicht die gefallenen Soldaten der Bundeswehr. Sie alle verdienen, dass man sich an sie erinnert. Wenigstens einmal im Jahr.

16.11.2013

Randbemerkung 3

Wenn man eine neue Waage sein Eigen nennt, könnte man sich über das angezeigte Ergebnis freuen, wenn man auf ihr steht. Oder auch nicht. Je nach dem eben. Ich habe mich heute nur gewundert. Wog ich doch gänzlich unbekleidet 244,4 kg. Ein Blick in den gegenüberhängenden Spiegel genügte, um dem Wiegegerät lauthals zu widersprechen. Merke: Man wirft die alte, etwas ungenau gewordene Waage nicht sofort weg, wenn man eine neue erworben hat. Sonst hat man plötzlich mehr auf den Hüften, als einem lieb ist. Grummel.